Fokussierungstechnik gegen die Angst

 

 

 

Mit der folgenden Technik kannst Du Deinen Stress oder deine Angst reduzieren, indem Du mit dem in Kontakt gehst, wovon die Angst oder der Stress „nur“ die Folge ist.

Wir starten mit einem Real-Life-Beispiel:

Mein älterer Sohn wird jetzt 4 Jahre alt. Er ist ein unerschrockener Kletterer. Kein Baum oder Klettergerüst ist zu hoch – und wenn so ein Objekt der Begierde ausfindig gemacht wurde gibt es kein Halten mehr.

Ich freue mich sehr über den Abenteuergeist und die Entdeckerfreude meines Sohnes,

doch…..

leider gibt es eine Differenz zwischen dem, was er möchte (natürlich gaaaaanz hoch) und dem, was er umsetzten bzw. auch sicher wieder runterklettern kann.

Mein Sohn und ich haben einen unterschiedlichen Fokus. Er fokussiert sich auf sein Ziel (Klettern, Höhe erleben, Aufmerksamkeit bekommen…) und ich auf Gefahr, Runterfallen, herausstehende Knochen, Krankenwagen, Krankenhaus, der Mama alles erklären…. und natürlich, dass ich für die Kletteraktion und dessen möglichen Folgen die Verantwortung trage.

Ich kann also durchgreifen, verbieten und nein – nein - nein sagen und für den Moment ist die Sicherheit wiederhergestellt. Andererseits will ich meinen Sohn darin unterstützen, an sich zu glauben, sich auszuprobieren, die eigenen Grenzen kennen zu lernen und diese zu verschieben, seine Motorik zu trainieren, sein Körpergefühl zu verbessern etc.

Ich nehme das als einen sehr schmalen Grat wahr, indem ich nahezu nur richtig gehandelt habe, wenn im Nachhinein wirklich nichts passiert ist.

Fakt ist aber auch, dass ich vom Boden aus das Klettergeschehen meines Sohnes mit beeinflusse. Der bekommt an meiner Körpersprache, Stimme, Wortwahl, der Größe meiner aufgerissenen Augen etc. durchaus mit, was ich da unten erlebe und ob ich an ich gaube oder eben nicht. Und da Kinder sehr stark am Modell lernen (also Lernen durch nachmachen und imitieren von Verhalten)  besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind MEINE Angst nach und nach immer mehr übernimmt.

Und dann gibt es auf Dauer auch keinen Gewinner und ich hätte die Kletteraktion gleich von vorne herein verbieten können.

Es geht aber auch anders. Nämlich indem ich meinen Fokus verschiebe (vorausgesetzt ich habe mich für die Erlaubnis der Kletteraktion entschieden). Und die Frage ist ganz einfach… nämlich: was steht hinter der Angst bzw. von was ist die Angst (nur) die Folge.

In meinem Fall ist es z.B. die Liebe zu meinem Sohn. Und weil meine Liebe so groß ist, habe ich z.B. Angst, dass er sich weh tut. Und ab genau diesem Punkt kann ich mich entscheiden, auf was ich mich fokussieren möchte -> auf die Liebe – oder die Angst. Es ist wie eine gedankliche Kreuzung.

Will ich nun Angst und Zweifel ausströmen/verbreiten und natürlich auch selber fühlen? Oder möchte ich Liebe, Zugewandtheit, innere Verstärkung aber auch ein Gefühl für Achtsamkeit fühlen und versprühen?

Diese Fokussierungstechnik funktioniert, indem ich hinterfrage, was da großes, schönes, einzigartiges vorhanden ist, weshalb mein Gehirn -> um das fragile Gut zu schützen <-  mit Angst, Wut, Zorn, Ungeduld etc. reagiert.

Diese Technik braucht etwas Übung. Auch mein Gehirn weigert sich immer wieder, das große schöne, einzigartige hinter der Angst finden zu wollen und dann im Fokus zu behalten.

Ganz verschwinden wird die Angst mit dieser Technik nicht, und das ist auch gut so. Denn die Angst schützt Dich und alles was Dir wichtig ist- aber sie ist dann kein feuerspuckender Dämon mehr, sondern ein Verbündeter.

Wann waren bei Dir in der letzten Zeit besonders starke Gefühle da… und was war das Große, Schöne, Einzigartige hinter diesem Gefühl?

Martin Pröttel, geschrieben November 2019